Schlagwort: Erinnerung

  • Das Walnussgugelhupf Vermächtnis

    Das Walnussgugelhupf Vermächtnis

    Unsterblich durch ein Gugelhupf-Rezept

    Auf den ersten Blick mag der Titel auf einen typischen Eberhofer-Krimi aus der Feder der deutschen Autorin Rita Falk hindeuten. Es soll jedoch vielmehr eine ernstgemeinte Hommage an einen Mann sein, an den sich noch viele Jahre nach seinem Tod – ihm Zeit seines Lebens unbekannte – Menschen regelmäßig erinnern. Ohne jemals berühmt gewesen zu sein, kennen viele Personen unterschiedlichsten Alters seinen Namen. Sie begegneten ihm nie, sahen nie ein Foto von ihm und sprachen niemals mit ihm. Alles was sie mit ihm verbindet, ist das Rezept von einem Walnussgugelhupf, das er der Welt hinterlassen hat.

    Untrennbar: Kulinarik und Tradition

    In vielen Familien gibt es Traditionen rund ums Essen. Bestimmte Gerichte die zu ausgewählten Anlässen alljährlich aufgetischt werden. Sei es der Weihnachtskarpfen, das Martinigansl oder auch eine Mehlspeise wie die Malakofftorte¹. Häufig werden die Speisen dabei nach Rezepten zubereitet, die schon über viele Generationen innerhalb der Familie weitergegeben wurden. Aufgrund der zumeist freudigen Anlässe für die Zusammenkünfte und der üblicherweise frohgestimmten Gemüter gehen die kulinarischen Aufwartungen häufig mit Lobpreisungen und erhobenen Gläsern im Gedenken der Ahnen einher, denen der Ursprung der Koch- oder Backrezepte zugeschrieben wird.

    Die Geschichte vom Gugelhupf

    Diese kleine Anekdote reicht in meinem beruflichen Werdegang zurück in meine Zeit als junger Kundenberater der damaligen Weinviertler Volksbank. Damals war das noch eine eigenständige Genossenschaftsbank mit mehreren Filialen in der Region, inzwischen, nach Finanzkrise 2008, Namensänderung, einigen Filialschließungen und schlussendlich Fusion, firmiert der übrig gebliebene Teil als Volksbank Wien AG. Ich war während meiner ersten Jahre im Volksbanksektor in einer kleineren Filiale im Ort Gaweinstal tätig. Wir hatten damals in der rund 2.000 Einwohner zählenden Ortschaft ein tolles, familiäres Team und eine – seit Jahrzehnten – herzlich gepflegte Verbindung zu unseren Kund*innen.

    Im Tagesgeschäft einer Bank hat man am Schalter mit unkomplizierten und anspruchsvollen, mit sympathischen und unsympathischen sowie mit armen und reichen Kund*innen jedes Alters zu tun. Müsste ich den Mann, um den sich die Geschichte dreht, mit einem Wort beschreiben, so würde ich ihn wohl – ohne dabei zu werten – als „einfach“ bezeichnen. Ein bereits älteres Semester, gesundheitlich angeschlagen und stets im Blaumann². In regelmäßigen Abständen brachte er für die Belegschaft einen selbstgemachten Gugelhupf vorbei. Meistens war es ein Marmorgugelhupf, manchmal auch eine andere Variante, in der Regel auf einem Pappteller, in Alufolie verpackt und mit einem beigelegten kleinen handschriftlichen Zettel mit seinem seinem Namen darauf.

    Da wir allesamt Naschkatzen waren, freuten wir uns schon immer auf diese im wahrsten Sinne des Wortes versüßten Tage, wenn wir ihn durchs Foyer kommen sahen. Eine Kollegin fragte einmal stellvertretend für das ganze Team nach dem Rezept seines Walnussgugelhupfs. Tage später brachte er es uns dann. Auf einem kleinen, karierten Blockzettel, fein säuberlich von Hand geschrieben und mit seiner Unterschrift darunter. Noch heute vermittelt mir der Blick darauf die Mühe und Sorgfalt, die er in die Erstellung der Niederschrift steckte. Schnell wurden Kopien angefertig, denn alle wollten den Gugelhupf nachbacken.

    Was bleibt in Erinnerung?

    Heutzutage wird kaum noch ein Rezept von Hand geschrieben. Oft nicht einmal am Computer getippt. Bestenfalls wird es abfotografiert oder als Textnachricht ohne Groß- und Kleinschreibung dafür mit ein paar beliebigen Smileys in einem Messengerdienst geteilt. Aber was davon bleibt in Erinnerung? Die Rezeptüberlieferung vom „Mann in Blau“ hingegen begeistert noch heute und sein Name ist beinahe wie ein Markenzeichen nachhaltig mit dem Gugelhupf verbunden. Warum ist das so? Weil es nicht nur darum geht, dass eine Speise gut schmeckt, sondern auch darum, ob es eine Geschichte dazu gibt. Und manchmal reicht ein liebevoll von Hand geschriebenes Backrezept auf kariertem Blockpapier, um eine solche Geschichte lebendig zu halten.

    ¹ Ein Klassiker der österreichischen Mehlspeisenküche. Die Malakofftorte ist eine ungebackene österreichische Schichttorte aus Biskotten und Creme, die ihren Namen vermutlich dem französischen General Aimable Pélissier verdankt, der im Krimkrieg 1855 das Fort „Malakow“ eroberte.
    ² Ein Blaumann bezeichnet im klassischen Sinne einen blauen Arbeitsoverall oder eine robuste Latzhose, die traditionell von Handwerkern, Mechanikern und Industriearbeitern getragen wird.