Geschichte digitalisieren und bewahren
Was heute noch in alten Büchern, Zeitschriften oder auf Fotografien dokumentiert ist, kann morgen bereits schwer zugänglich oder unwiederbringlich verloren sein. Mit zwei Digitalisierungsprojekten beschäftige ich mich daher seit geraumer Zeit mit der Frage, wie sich historische Quellen langfristig sichern und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen lassen. Im Mittelpunkt steht dabei die Guido-Sklenar-Bibliothek, ergänzt durch die Erhaltung des fotografischen Nachlasses meines Vaters.
Die Guido-Sklenar-Bibliothek – ein digitales Literaturarchiv
Den Schwerpunkt meiner aktuellen Archivarbeit bildet die Guido-Sklenar-Bibliothek. Der bedeutende österreichische Bienenzüchter und Fachautor Guido Sklenar (1871–1953) hinterließ ein umfangreiches literarisches Vermächtnis. Zu seinen bekanntesten Veröffentlichungen zählen das Fachbuch Imkerpraxis und die ab 1922 erschienene Zeitschrift Mein Bienenmütterchen.
Viele dieser historischen Publikationen befinden sich heute nur noch in privaten Sammlungen oder antiquarischen Beständen beziehungsweise gingen auch schon verloren. Mit der digitalen Bibliothek möchte ich diese Quellen systematisch sichern, dokumentieren und für Imkerinnen und Imker, Forschende sowie historisch Interessierte zugänglich machen. Über die eigens entwickelte Onlineplattform lassen sich die digitalisierten Publikationen anschließend in einer blätterbaren Ansicht lesen.
Das Digitalisieren ist allerdings zeitaufwendig. Jede einzelne Seite muss erfasst, aufbereitet und dem entsprechenden Werk zugeordnet werden. Für die Bearbeitung einer einzigen Magazinausgabe fallen durchschnittlich rund 200 Minuten Arbeitszeit an. Bisher wird die Arbeit ausschließlich über die Blütengold Bio-Imkerei abgewickelt und finanziert. Bisher ist der Zugang zum bereits digitalisierten Bestand nur gegen eine geringe Gebühr möglich. Vielleicht gelingt es jedoch in Zukunft mittels Förderung oder Kooperation den Bestand der Öffentlichkeit frei zugänglich zugänglich zu machen.
Unterstützung erhalte ich dabei von befreundeten Sammlern historischer Imkerliteratur und engagierten Bienenzüchtern, die ihre Bestände und ihr Wissen für dieses Vorhaben zur Verfügung stellen.
Für mich geht es dabei nicht ausschließlich um die Geschichte der Sklenar-Biene. Historische Fachliteratur ermöglicht auch einen Einblick in die Entwicklung der Bienenhaltung, die damaligen züchterischen Vorstellungen und den Wissensstand vergangener Generationen. Gerade die Originalquellen bieten die Möglichkeit, historische Entwicklungen aus ihrem jeweiligen zeitlichen Zusammenhang heraus zu verstehen.
Das fotografische Lebenswerk meines Vaters
Ein weiteres Digitalisierungsprojekt ist das Bildarchiv Franz K. Obendorfer. Es umfasst mehrere Tausend Fotografien aus dem Nachlass meines 2019 verstorbenen Vaters. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1948 und 2018 und zeigen unter anderem Landschaften, historische Ortsansichten, gesellschaftliche Ereignisse und Alltagsszenen, insbesondere aus dem Weinviertel.
Zur Erhaltung und Erschließung dieses fotografischen Lebenswerks wurde ein eigener Verein gegründet. Die Fotografien werden schrittweise digitalisiert, restauriert, katalogisiert und teilweise über eine öffentliche Onlinegalerie zugänglich gemacht.
Alle bereits digitalisierten Fotografien sind in hoher Auflösung verfügbar, aber nur in eingeschränkten Voransichtsgrößen kostenlos im Internet zugänglich. Druckbare Dateien sind über ein dem Archiv angeschlossenes Bezahlsystem erhältlich. Hinter dem Projekt stehen hunderte Stunden Arbeit und eine entsprechend teure IT-Infrastruktur.
Zwischen digitaler Bilderflut und nachhaltiger Bewahrung
Der technische Fortschritt in der Fotografie, Bildbearbeitung und zuletzt insbesondere durch künstliche Intelligenz hat die Erstellung und Verbreitung von Bildern und Texten grundlegend verändert. Wir werden heute mit einer kaum überschaubaren Menge an Inhalten konfrontiert. Dabei ist es inzwischen oft schwierig geworden, zwischen Realität und künstlich erzeugter Fiktion zu unterscheiden.
Fotografieren und Schreiben waren einst Handwerke, die neben technischem Wissen und Erfahrung auch ein gewisses Maß an Begabung voraussetzten. Heute ermöglichen digitale Werkzeuge nahezu jedem, innerhalb weniger Augenblicke Bilder und Texte zu produzieren, für deren Erstellung früher beträchtliche Kenntnisse und Fähigkeiten erforderlich waren.
Mein Vater beklagte bereits in den 2000er-Jahren, dass die Fotografie zunehmend inflationär werde. Ich frage mich manchmal, was er wohl zu den heutigen Möglichkeiten sagen würde. Vermutlich würde er staunen, bestimmt auch manches mit Sorge betrachten.
Diese Entwicklung lässt auch mich gelegentlich an der Sinnhaftigkeit meiner Digitalisierungsprojekte zweifeln. Welchen Stellenwert haben historische Fotografien und jahrzehntealte Fachzeitschriften noch in einer Zeit, in der täglich unzählige neue Inhalte entstehen und selbst vermeintlich authentische Aufnahmen nicht mehr unbedingt die Wirklichkeit abbilden?
Gerade darin liegt für mich aber auch eine wesentliche Antwort:
Nicht alles, was sich digital erzeugen lässt, kann historische Originalquellen ersetzen.
Die alten Fotografien meines Vaters und die historischen Schriften der Guido-Sklenar-Bibliothek sind Zeugnisse ihrer jeweiligen Zeit. Ihr Wert liegt nicht allein in den dargestellten Motiven oder vermittelten Informationen, sondern ebenso in ihrer Herkunft, ihrer Geschichte und ihrem zeitlichen Zusammenhang.
Damit schließt sich für mich der Kreis zur Nachhaltigkeit. Nachhaltig zu handeln bedeutet nicht ausschließlich, Ressourcen zu schonen oder Umweltbelastungen zu reduzieren. Es bedeutet auch, Bestehendes zu erhalten und dafür zu sorgen, dass wertvolles Wissen und kulturelles Erbe für kommende Generationen verfügbar bleiben.
Die Digitalisierung kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie ermöglicht die Sicherung empfindlicher Originale und erleichtert vielen Menschen den Zugang zu historischen Quellen, unabhängig von deren Aufbewahrungsort. Voraussetzung dafür sind allerdings eine dauerhafte technische Betreuung, regelmäßige Datensicherung und die Bereitschaft, digitale Bestände auch an künftige Technologien anzupassen.
Vielleicht liegt der eigentliche Wert meiner beiden Projekte gerade darin, in einer zunehmend kurzlebigen Informationswelt etwas dauerhaft zu bewahren und weiterzugeben.

